Laser-OP statt Brille Rund 52 Millionen Deutsche müssen eine Brille oder Kontaktlinsen tragen, um Fehlsichtigkeiten auszugleichen. Viele von ihnen entscheiden sich inzwischen für eine Korrektur ihrer Fehlsichtigkeit per Laser. Neu ist die "Nur-Laser-Methode", bei der ganz auf das Skalpell verzichtet wird.
18 Millionen potentielle Kunden 2004 gab es bundesweit rund 120.000 Laser-Eingriffe am Auge. "Laserstrahlen werden bei verschiedenen Augenkrankheiten gezielt mit großem Erfolg eingesetzt", sagt Prof. Holger Busse, Direktor der Augenklinik der Universität Münster. Am bekanntesten sind die Behandlungen von Hornhautverkrümmung, Kurz- und Weitsichtigkeit. Bei Kurzsichtigkeit wird die Hornhaut abgeflacht, bei Weitsichtigkeit eine steilere Hornhautwölbung erreicht. Die Tendenz ist zwar steigend, denn die Operation ist schnell, unblutig und schmerzfrei. Dennoch herrscht in Deutschland nicht die gleiche Laser-Euphorie wie in den USA. Von den 52 Millionen Deutschen, die eine Sehhilfe benötigen, kommt für immerhin 18 Millionen eine Laser-OP in Frage. Aber nur 120.000 Deutsche haben sich letztes Jahr diesem Eingriff unterzogen – zu groß ist die Sorge, hinterher schlechter zu sehen. Und die Kosten von durchschnittlich 4.000 Euro für beide Augen spielen sicherlich auch eine große Rolle.
Ärzte müssen über Risiken informieren Experten weisen daher auf die Wichtigkeit sorgfältiger Augentests und einer ehrlichen und individuellen Aufklärung seitens des Operateurs hin. Grundsätzlich problematisch ist das Lasern bei Augenkrankheiten sowie während der Schwangerschaft und Stillzeit. "Auch Allergiker sollten sich über spezielle Risiken informieren", rät Georg Eckert vom Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA) in Düsseldorf. Nicht zum Einsatz kommen herkömmliche Laser bei sehr dünnen Hornhäuten oder bei zu hoher Fehlsichtigkeit.
Die Zeitschrift "Focus" befragte Terrence O'Brien, Augenspezialist an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, worauf ein Laserpatient vor seiner OP achten sollte. "Er muss ein gutes Gefühl bei der gesamten OP-Planung haben und andernfalls selbst aus dem Countdown aussteigen."
Für diejenigen, die nicht länger eine Brille oder Kontaktlinsen tragen möchten, heißt das Zauberwort LASIK, kurz für "Laser in situ Keratomileusis". LASIK ist die am häufigsten angewandte Methode. "Der Eingriff wird ambulant durchgeführt und ist weitgehend schmerzfrei", erklärt Prof. Thomas Neuhann, Leiter der Augenklinik München.
Mit einem mechanischen Präzisionsskalpell schneidet der Arzt zunächst ein hauchfeines, rund 0,16 Millimeter dünnes Scheibchen ("flap") der Hornhaut ein und klappt es wie einen Buchdeckel zurück. Die offen gelegten tieferen Hornhautschichten werden nun mit dem so genannten Excimer-Laser modelliert, anschließend wird der flap wieder zugeklappt. Nach rund einer Viertelstunde ist der Eingriff vorbei.
Kurzsichtigkeit bis zu minus zehn Dioptrien, Weitsichtigkeit bis zu plus drei Dioptrien und Hornhautverkrümmungen bis zu drei Dioptrien lassen sich weglasern.
"Im Gegensatz zu anderen Operationsmethoden wird dabei das Innere der Hornhaut abgeschliffen und nicht deren Oberfläche", sagt Neuhann. Dadurch verlaufe die Heilung schneller und schmerzloser als bei der herkömmlichen Laserbehandlung von außen, da die Hornhautoberfläche nicht zerstört wird.
Risiken Je mehr Hornhautgewebe entfernt wird, desto öfter entstehen Probleme wie fahle Kontraste, Blendung oder trockene Augen. Prof. Neuhann rät zwei von zehn Interessierten von einer Laserbehandlung ab, vor allem weil sie zu stark kurz- oder weitsichtig sind. Leider sind nicht alle Kollegen so verantwortungsbewusst. Gerade im Ausland wird so manche Hornhaut gelasert, die eigentlich viel zu dünn ist. So äußerte sich Neuhann gegenüber Focus auch dementsprechend verärgert: "Viele importierte Augenprobleme hätten sich durch eine strengere Auswahl des Patienten leicht vermeiden lassen. Doch wenn Sie erstmal vor Ort sind, schickt Sie halt keiner mehr heim."
Seit Ende 2004 wird in Deutschland auch die FEMTO-LASIK-Methode angewendet, die laut Neuhann das Komplikationsrisiko weiter reduziert. Dieser Eingriff erfolgt ausschließlich per Laser. "Statt per Skalpell wird der Hornhautdeckel mit einem Femtosekundenlaser so präpariert, dass eine äußerst exakte Gewebetrennung erfolgt."
Seiner Ansicht nach ist die "Nur-Laser-Behandlung" wesentlich schonender und sicherer. Aber mit rund 2600 Euro pro Auge ist der Eingriff auch teurer als die herkömmliche LASIK-Methode, die pro Auge etwa 2000 Euro kostet. Der Patient muss die Kosten selbst zahlen. "Laser-Operationen, nur um eine Brille loszuwerden, sind grundsätzlich keine Kassenleistung", sagt Udo Barske, Sprecher des AOK-Bundesverbandes in Bonn.
Liege aber eine medizinische Indikation für einen Lasereingriff vor, beteilige sich die Kasse an den Kosten.
Kritische Stimmen und Erfahrungen:
Sonia Mikich: "Wussten Sie, dass heute die 'Woche des Sehens' beginnt? Das ist ja vielleicht nicht so fürchterlich wichtig, aber das Thema Augenoperationen mit Lasertechnik ist hochbrisant. In Deutschland boomt das Geschäft wie nie zuvor. Mit über 100.000 Operationen rechnen Ärzte und Laserzentren für das nächste Jahr. Und sie werben kräftig für das 'Leben ohne Brille'. So sieht er eben aus, der viel gepriesene Wettbewerb im Gesundheitswesen: In schicken Hochglanzbroschüren preisen Augenärzte ihre Leistungen an und verschweigen zumeist die enormen Risiken, die mit diesem Eingriff verbunden sind.
Leidtragende sind jene Patienten, die die hoch gelobten Laseroperationen mit ihrem Sehvermögen bezahlen. Genau hingeschaut hat Georg Restle."
Gabriel Frahm, Augenlaser-Opfer: "Mein Name ist Gabriel Frahm. Ich hatte vor etwas über drei Jahren eine Laseroperation an beiden Augen - und die ist schief gelaufen. Wenn ich mir dahinten die Lichter angucke, dann ist das für mich wie so eine diffuse Wolke, wenn ich mir die Ampeln da angucke, dass das lauter Sterne sind, doppelt und dreifach, Riesen-Lichtkränze drum herum, und je näher das Licht kommt, desto mehr sehe ich so Art Kometenschweife. Ich bin also enttäuscht, zutiefst enttäuscht, weil mir gesagt wurde, dass ich eben nach der Operation einen Führerschein machen kann, also das war eigentlich die Motivation für mich, diese Operation durchzuführen - und ich denke, dass das Vorhaben jetzt komplett gescheitert ist."
Gabriel Frahm ist geschädigt - für den Rest seines Lebens. Der 31-jährige Familienvater hatte geglaubt, was ihm versprochen wurde: Eine klare Sicht ohne Brille durch eine Laseroperation. Heute ist er froh, dass er überhaupt noch arbeiten kann. Die Hoffnung, je wieder ganz normal sehen zu können, die hat er aufgegeben. Gabriel Frahm: "Also, in dem Moment, wo einem das bewusst wird, hat man eine unglaubliche Wut, vor allem auf sich selbst. Das ist das Allerschlimmste, weil man sich vorwirft, man hätte sich nicht gut genug vorher informiert. Also ich mach mir den Vorwurf, dass ich lediglich meinem Augenarzt vertraut habe."
Eine Augenoperation in einem Kölner Laserzentrum. Hier wurde auch Gabriel Frahm operiert. Mit Hilfe des so genannten LASIK-Verfahrens, das heute fast überall angewendet wird. Und das funktioniert so: Zuerst schneidet ein Hobel den oberen Teil der Augen-Hornhaut auf. Mit Hilfe des Lasers werden dann Teile des darunter liegenden Gewebes quasi verdampft. Anschließend wird der Hornhautlappen wieder angelegt. Die Hornhaut selbst wird an dieser Stelle deutlich dünner.
Der Augenarzt von Gabriel Frahm gehört zu den erfahrensten Operateuren seiner Branche. Seit über zehn Jahren legen sich hier Kunden unter seinen Laser. Die Allermeisten, so sagt er uns, sind hochzufrieden. Komplikationen sind hier Nebensache.
Reporter: "Was sagen Sie denn den Patienten, bei denen es, sage ich mal, schief gegangen ist?" Dr. Matthias Maus, Augenarzt: "Na ja, ähm - die sind alle entsprechend, also die Patienten, wo was schief gegangen ist, sind alle entsprechend vorher aufgeklärt, kennen das Risiko. Das, was schief gehen kann, können wir heutzutage reparieren."
Gabriel Frahm hat sich in der Kölner Universitätsklinik nachbehandeln lassen. Dort warnte ihn Professor Konen nachdrücklich vor einer weiteren Laseroperation, auch weil Komplikationen durch eine Brille nicht mehr behoben werden können. Den Laserboom in Deutschland sieht er äußerst kritisch. Prof. Walter Konen, Universitäts-Augenklinik Köln: "Es ist ein Eingriff an der Hornhaut, und dieser Eingriff an der Hornhaut besteht darin, von dem Hornhautgewebe Gewebe wegzuschleifen, das kommt nie wieder zurück. Und ein solcher Eingriff kann, wenn er mit Komplikationen verbunden ist, einen Lebensentwurf eines jungen Menschen dramatisch ändern, wenn er danach nicht auf eine Sehschärfe mit Brillenkorrektion von wenigstens 70 Prozent kommt. Dann ist es ihm nämlich nicht erlaubt, Auto zu fahren. Und das kann sein Leben erheblich beeinflussen. Und solche Fälle habe ich in meiner Praxis gesehen."
Augenlasern - kein Problem! So werben viele Anbieter in ihren Werbevideos. Und rechnen für das nächste Jahr allein in Deutschland mit über 100.000 Operationen. Und auch Augenärzte werben mit - in bunten Broschüren, die alles versprechen: Ein Leben ohne Brille! Ein neues Sehgefühl, alles kurz und schmerzlos. Die Komplikationsrate liege schließlich unter einem Prozent. Und so klingt es auch auf Fachmessen: Klaus Schälte, Schwind GmbH & CoKG: "Die Technologie, die Operationstechnik und auch vor allen Dingen die Qualität der ärztlichen Behandlung ist heute so gut, dass man die Frage eigentlich - ist es gefährlich oder ist es nicht gefährlich - heute gar nicht mehr stellen muss."
Also keinerlei Risiken beim Augenlasern? Was sagen kritischere Wissenschaftler und Augenärzte zu dieser Art von Werbung? Dr. Andreas Berke, Augen-Physiologe: "Ich halte die Darstellung eines Risikos von weniger als einem Prozent für wenig verantwortungsvoll, da viele Komplikationen, wie zum Beispiel erhöhte Blendungsempfindlichkeit, verminderte Kontrastempfindlichkeit oder Probleme beim Autofahren in der Dunkelheit durch diese Zahl nicht erfasst werden."
Dr. Uwe Kraffel, Vorsitzender Berufsverband der Augenärzte: "Das unkritische Herangehen an das Verfahren, das Problem, dass immer mehr Leute unkritisch sich operieren lassen und unkritisch operiert werden, ist die Kehrseite dessen, was wir als Wettbewerb im Gesundheitswesen jetzt kennen lernen. Wenn man für ein Verfahren wirbt, stellt man die positiven Seiten, die Erfolge, sehr viel stärker in den Vordergrund als die Misserfolge, als die Komplikationen."
Seit diesem Jahr liegen neue, deutsche und US-amerikanische Studien vor, die viele Werbesprüche der Laser-Anbieter als Lüge entlarven. Danach schlagen viele Operationen fehl: Eine Zweitoperation, die oft mit weiteren Risiken verbunden ist, war demnach in 18% aller Fälle notwendig. Ein Leben ohne Brille? 27% aller Behandelten waren trotz Operation weiterhin auf eine Sehhilfe angewiesen. Und über andauernde Beschwerden, wie Nachtsichtprobleme und Kontrastschwächen klagten laut einer US-Studie rund 30% aller Laseroperierten.
Die schlimmsten Gefahren des Laserns sind allerdings bei weitem noch nicht erforscht. Und die könnten auch jene treffen, die sich heute noch über eine gelungene Operation freuen Dr. Andreas Berke, Augen-Physiologe: "Die Mechanik der Hornhaut ist so gut wie unverstanden. Die Hornhaut hat als Aufgabe, den Augen-Innendruck aufzufangen und zu neutralisieren; dazu ist aber eine bestimmte Dicke der Hornhaut erforderlich. Und bei dem Lasik-Verfahren wird die Dicke der Hornhaut reduziert, so dass man auf lange Sicht gar nicht weiß, wie sich der Augen-Innendruck auf die Hornhaut auswirken wird. Es ist zu befürchten, wie schon einige Studien zeigen, dass es zu Ausbeulungen der Hornhaut kommt, die im schlimmsten Fall eine Hornhaut-Transplantation erforderlich machen werden." Viele Arbeitgeber, wie die Lufthansa, haben auf diese wissenschaftlichen Erkenntnisse mittlerweile reagiert. Wer sich einer Augenlaser-Operation unterzogen hat, hat so gut wie keine Chance, hier als Pilot angestellt zu werden. In einer internen Publikation der Lufthansa, die Ende des Monats erscheinen wird, warnt der medizinische Dienst seine Piloten ausdrücklich davor, sich einer Laser-Operation zu unterziehen.
"Die medizinisch schlechteste Lösung, allerdings raffiniert als das Non-Plus-Ultra angepriesen, ist die Laserbehandlung ... Langzeiterkenntnisse, also über eine Generation hinweg, liegen nicht vor."
"Wollen Sie Ihre Tauglichkeit für ein Verfahren riskieren, das sich letztendlich immer noch im Versuchsstadium befindet?" Prof. Uwe Stüben, Medizinischer Dienst Lufthansa: "Unsere Piloten müssen 35 Jahre fliegen, so dass wir doch nach den jetzigen Erkenntnissen Angst haben direkt, dass wir die Piloten im Laufe ihres Fliegerlebens verlieren, da durch die Laseroperation die Hornhaut in ihrer Stabilität geschwächt wird und durch diese Schwächung es dann zu Augenproblemen nach 10, 20 Jahren kommen kann, die dazu führen können, dass die Piloten ihre Lizenzen verlieren."
Gabriel Frahm weiß mittlerweile über viele dieser Risiken Bescheid. Und er weiß auch, dass er bei weitem nicht der Einzige ist, der nach einer Laseroperation nie wieder so gut sehen kann wie zuvor. Auch wenn viele Augenärzte behaupten, dass es jemanden wie ihn eigentlich gar nicht geben dürfte. Sonia Mikich: "Übrigens, die allermeisten Augenärzte lassen sich nicht lasern, sie tragen lieber eine Brille."
Quelle: Monitor
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